Pressemitteilung vom 25. Oktober 2006

Lösungen - von der Theorie zur Praxis
Aktuelle Twitter-Nachrichten zum Webkongress Erlangen 2010: twitter.com/wke
7.-8. Oktober Tickets kaufen

Suche


Veranstalter und Teilnehmer ziehen positive Bilanz

Webkongress 2006 in Erlangen: Barrieren im Kopf und im Internet abbauen

Wie gestaltet man Online-Auftritte, so dass die Inhalte der Seiten von allen Menschen und mit Hilfe verschiedenster Medien gelesen werden können?

Kompetenz in Sachen Barrierefreiheit gehört inzwischen längst zum Handwerkszeug eines Webdesigners. Über die Optimierung von Webauftritten im Öffentlichen Dienst und neue Perspektiven zur Verbesserung der Internetkommunikation diskutierten in Erlangen kürzlich Webfachleute und Entscheidungsträger aus Verwaltung, Wirtschaft und Politik. Doch dem technisch Machbaren stehen noch viel zu oft die Barrieren in den Köpfen im Weg.

In nur wenigen Jahren hat sich das World Wide Web neben Print, Hörfunk und Fernsehen zum wichtigsten Breitenmedium entwickelt. Immer mehr Menschen wollen deshalb das Informationsangebot des weltweiten Netzes eigenständig nutzen – aber, viele scheitern an vorhandenen Barrieren. Denn wer weiß schon, welche erheblichen digitalen Hürden es für gehörlose Menschen gibt? Oder für Blinde? Oder für Menschen mit Farbfehlsichtigkeit? Oder auch nur für Menschen, die nicht mit der neuesten Browserversion im Web surfen? Technische Regeln gibt es: Strikt verboten sind JavaScript ohne Alternative, Flash-Animationen und invalider Quellcode; gefordert stattdessen Dokumente mit allgemeinverständlichen Inhalten und einer browserunabhängigen Gestaltung. Dass Barrierefreiheit allerdings mehr ist, als die Einhaltung wichtiger technischer Grundsätze, erörterten 26 Referenten und mehr als 200 Teilnehmer aus dem Öffentlichen Dienst, bundesweit arbeitenden Organisationen, Vereinen, Selbsthilfegruppen sowie aus der Wirtschaft beim 2-tägigen Webkongress 2006, den das Regionale Rechenzentrum Erlangen (RRZE) der Friedrich-Alexander-Universität Ende September organisiert hatte und zu dem auch Gäste aus angrenzenden Ländern angereist waren.

Ziel des Kongresses war unter anderem die Bündelung und Zusammenführung vielfältiger technischer Interessen einzelner Gruppen und Personen mit den wirtschaftlichen, politischen und verwaltungstechnischen Vorgaben und Bestrebungen der Entscheider, so Wolfgang Wiese, Initiator der Veranstaltung und Leiter des Webteams am RRZE. Dieses Forum bot Gelegenheit, das Ausmaß der derzeit praktizierten Umsetzung der Barrierefreiheit im Internet unter die Lupe zu nehmen, Probleme zu diskutieren und neue Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dies wurde auch ausgiebig genutzt.

Besonders bei den Live-Demonstrationen wurde deutlich, dass die Sensibilisierung für vorhandene Barrieren, die es für Menschen mit Behinderungen und auch für viele Senioren gibt, am besten durch alltägliche Beispiele und simple Demonstrationen gelingt. Am Webauftritt der Stadt Erlangen demonstrierte eine blinde Referentin, wie sich Sehbehinderte mittels Screenreader nicht nur ohne Barrieren informieren, sondern auch Internetangebote, wie die Auktionsbörse eBay nutzen können. Wenig bekannt, aber vielleicht gerade deshalb so interessant war für viele Zuhörer auch die Tatsache, dass Gehörlose zwar normal sehen können, mit dem geschriebenen Wort dennoch oftmals Probleme haben. Schriftdeutsch ist für sie eine Fremdsprache und mühsam zu erlernen. So wird ein Satz in deutscher Gebärdensprache nach der Reihenfolge Subjekt-Objekt-Verb gebildet (Ich heim gehe) und nicht wie im Schriftdeutsch als Subjekt-Verb-Objekt-Verbindung (Ich gehe heim). Behördengänge werden für hörgeschädigte Menschen damit oft nicht nur zum Spießrutenlauf, sondern verursachen den Behörden durch die Hinzuziehung von Gebärdensprach-Dolmetschern selbst erhebliche Mehrkosten. Kosten, die sich durch den Einsatz barrierefreier Formulare auf den Webseiten auf ein Minimum einschränken ließen. Als weitere Ergänzung einer Website wünschen sich Gehörlose Gebärdensprachvideos.

Mit Beginn des nächsten Jahres werden durch die Bayerische Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (BayBITV) nun auch alle Behörden auf Landes- und Landkreisebene – ohne Städte und Gemeinden – in Bayern gesetzlich dazu verpflichtet, Internetauftritte so zugänglich zu machen, dass alle Menschen die gleiche Chance haben, sich zu informieren und zu kommunizieren – ganz gleich, ob sie nicht oder nur eingeschränkt sehen können, schlecht hören, keine Maus verwenden, auf spezielle Technik angewiesen sind oder individuelle Ausgabegeräte benutzen wollen. In diesem Zusammenhang werden immer wieder Summen genannt, die zusätzlich aufzubringen wären, um die Seiten von Organen des Landes und auch von Kommunen barrierefrei umbauen zu können. Dabei wird in der politischen Diskussion aber oft übersehen, dass ein Webauftritt etwa alle vier bis fünf Jahre sowieso erneuert werden muss. Dabei ließe er sich mit überschaubaren Mehrkosten auch gleich barrierefrei gestalten. Bei Einhaltung aller Regeln würden die dann folgenden Renovierungen deutlich weniger Kosten verursachen und damit gegenüber einem bisher üblichen Webauftritt mittelfristig zu deutlichen Einsparungen führen. Damit wäre auch die zitierte Aussage eines Bürgermeisters ad absurdum geführt: Wozu soll ich für 2 Prozent der Bevölkerung mehr Geld für einen Webauftritt ausgeben?

Neben Teilnehmern aus Ministerien und Landesämtern waren auch Vertreter des Bundestags und des Bundeskanzleramts da, um die verschiedenen Aspekte des Themas zu beleuchten und den Weg zu barrierefreier Kommunikation auch auf bundes- und Länderebene noch weiter zu ebnen. Barrierefreiheit im Internet also doch nicht bloß ein staatlich verordnetes Nischenthema für Benachteiligte? Die Fokussierung ausschließlich auf die Gruppe der Behinderten als einzige Nutznießer barrierefreier Seiten ist überholt. Barrierefreiheit wird verstärkt als Verbesserung der Zugänglichkeit zum Medium Internet für alle Menschen verstanden. Fast nebenbei schafft barrierefreie Web-Entwicklung die besten Voraussetzungen für medienneutrales Publizieren auf kleinen Displays, Mobiltelefonen und zunehmend verbreiteten Zugangsarten in Zug, Auto oder Flugzeug. Kurzum: Mehr Reichweite. Mehr Publikum. Mehr Leser. Effiziente Gestaltung und klare Strukturen sorgen für mehr Nachhaltigkeit und eine größere Reichweite der Webpräsenzen. Diese Aspekte der Wirtschaftlichkeit tragen inzwischen weit mehr zur Umsetzung von Barrierefreiheit bei, als die Verordnungen es je in der Lage gewesen wären. Und sorgen nicht eine klare Sprache und eine gut durchdachte Struktur einer Webseite für mehr Klarheit bei allen Besuchern einer Seite? Um es mit den Worten eines Referenten etwas komplizierter aber kompakt auszudrücken: Jeder Dienstleister sollte verstanden haben, dass eine standardkonforme, zugängliche und barrierearme Internetpräsenz eine Frage von inhaltlicher und technischer Kompetenz, Qualitätsbewusstsein, Zielgruppenorientierung, Reichweitenmaximierung und zukunftsorientierter Web-Entwicklung ist.

Zum Abschluss war man sich einig, dass die technischen Möglichkeiten zum Erreichen des Ziels Barrierefreiheit schon weit gediehen sind. Kein Wunder also, dass bei den Anwesenden überwiegend Optimismus zu spüren war; denn Fortschritte in der technischen Umsetzung der Barrierefreiheit und ein zunehmendes Selbstverständnis tragen dazu bei, das Internet immer stärker als Kommunikationsmedium für alle Menschen nutzbar zu machen. Und dass Barrierefreiheit letztlich Jedermann zugute kommt und nicht nur ein Thema für öffentliche Anbieter ist, sondern genauso die Wirtschaft angeht, war sicher ebenfalls eine grundlegende Erkenntnis, die sowohl die Referenten als auch die Teilnehmer mit nach Hause nahmen. Am Ziel sei man dennoch erst, wenn alle Webseiten für alle Nutzer zugänglich sind, wie Bernhard Claus vom Blindenbund abschließend in seinem Vortrag formulierte, Doch dazu bedarf es eines Abbaus der Barrieren in den Köpfen. Dann sind Verordnungen überflüssig.

Bei Fragen setzen Sie sich bitte mit den Ansprechpartnern für das Organisationsmanagement und Redaktionelles in Verbindung.